23.09.16
New Fall Festival
Hier wohnt der Pop
Düsseldorf. Konzerte satt an vier Tagen beim diesjährigen New Fall Festival. Die Locations sind wie immer außergewöhnlich!

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 Adam Green © Kelsey Bennett

Wenn die Grillgruppen in den Stadtparks durch schlendernde Spaziergänger ersetzt werden und kräftige gelb-rote Farben Einzug in die Natur halten, sind mindestens zwei Dinge gewiss: Der Herbst ist da, und eine neue Ausgabe des New Fall Festivals steht mit internationalen Stars und spannenden Neuentdeckungen aus der Popwelt in den Startlöchern. Vom 27.-30.10. versammeln vier außergewöhnliche Locations in Düsseldorf ein hervorragendes Line-up.

Manchmal sind es nicht die lang geschmiedeten Masterpläne oder die Pro- und Contra-Listen, die fein säuberlich niedergeschrieben werden müssen. Manchmal sind es einfach Tatendrang und ein gehöriger Schuss Leidenschaft, die erfolgreich zum Ziel führen. So war es auch vor mittlerweile fünf Jahren bei Hamed Shahi (Konzertagentur SSC Music Group), als er mit dem New Fall Festival eine bemerkenswerte Konzertreihe in Düsseldorf auf den Weg brachte. „Ich habe damals nicht groß nachgedacht, sondern einfach gemacht – ich war mir sicher, dass es funktioniert“, blickt der Festivalleiter heute zurück. Dies, so stellt er allerdings auch klar, bedeutet nicht, dass er seit dieser Zeit nicht viel dazugelernt hätte. Es genügt ein Blick auf die ausgewählten Venues, um zu erahnen, dass jede Menge Organisationsarbeit im New Fall steckt. Namentlich wären das dieses Jahr das Düsseldorfer Capitol Theater, die CCD-Stadthalle, der Robert-Schumann-Saal und die Johanneskirche.

Und genau an diesen Locations lässt sich der Kerngedanke des Festivals ablesen: Hier treten Künstler an Orten auf, unter deren Dächern für gewöhnlich nicht die Popkultur beheimatet ist. Überhaupt: Geschickt platziert zwischen der sommerlichen Open-Air-Saison und den großen Hallenkonzerten, entfaltet das New Fall nicht nur namentlich eine heimelige Herbstatmosphäre. Künstler wie Tocotronic, Element Of Crime oder die Tindersticks traten hier bei den zurückliegenden Ausgaben im ungewohnt intimen Rahmen auf. Hinzu kommt mit Düsseldorf eine Stadt, die Hamed Shahi begeistert als einen „sehr dynamischen Ort“ umschreibt: „Hier passiert so viel! Gleichzeitig muss die Stadt weiter seine Rolle zwischen Köln und dem Ruhrgebiet finden.“

 

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Wilco © Zoran Orlic

 

Anti-Folk und Indie-Schluffis

Da dürfte das diesjährige Festival-Line-up eine große Hilfe sein: Mit den Grandbrothers etwa kommen die beiden Soundtüftler Erol Sarp und Lukas Vogel in die Johanneskirche (27.10.), um dort ihre einzigartige Klangwelt aus Klavier, Perkussion und Electronica brodeln zu lassen. Einen Tag später gibt’s in der CCD-Stadthalle eine kleine Sensation: Die New Yorker Anti-Folk-Künstlerin Regina Spektor schaut mit ihrem Mix aus Klassik, Punk, Rock und Jazz vorbei. Am 29.10. kommen die Fans der US-Indierocker Wilco an derselben Stelle in den Genuss, ihre Helden um Sänger Jeff Tweedy in fantastischer Atmosphäre zu erleben, und Indie-Schluffi Adam Green kombiniert im Capitol Theater eine abgefahrene Filmvorstellung seines Werks „Aladdin“ mit einem Best-of seiner größten Klassiker (30.10.). Solcherlei Hochkaräter belegen, dass sich der „Neue Herbst“ in Düsseldorf längst etabliert hat: „Man muss das Festival nicht mehr erklären“, freut sich Hamed Shahi folglich, „die hohe Qualität ist sowohl bei Publikum als auch den Künstlern längst bekannt.“ Überzeugungsarbeit ist somit in beiden Fällen nicht mehr nötig.

Das gilt im Übrigen scheinbar auch für die Kulturbetreiber in Stuttgart, wo dieses Jahr das Festival erstmals parallel laufen wird – dort in Beethoven-, Hegel- und Mozart-Saal sowie im Neuen Schloss. Der Expansionsgedanke passt zur Akribie des Festivalchefs, dessen innere Unruhe ihn nicht nur bei der Planung der Konzerte treibt: „Natürlich überschneiden sich an den vier Tagen die einzelnen Termine. Ich versuche aber so viel wie möglich mitzunehmen.“ Und schon gerät Shahi ins Schwärmen, denkt er etwa an den letztjährigen Gig von Alligatoah oder die Show des Songwriters Olli Schulz zurück: „Ein unglaublich witziger, begnadeter Entertainer!“

In einer LIga mit Björk

In Erinnerungen schwelgen ist erlaubt und bei der Konzert-Historie des New Fall Festivals auch mehr als berechtigt. Dennoch richtet der gebürtige Iraner, der mit 19 nach Krefeld kam, den Blick auch stets nach vorn: Große Teile der Planungen laufen parallel, im Hinterkopf formiert sich beim 43-Jährigen schon ein mögliches Line-up fürs kommende Jahr und ein ständiges Suchen und vor allem Finden passender Acts vollzieht sich. Befragt nach dem persönlichen Highlight, einem 2016er-Geheimtipp gar, nennt Hamed Shahi die brasilianische Sängerin und Pianistin Dillon, die textlich und musikalisch gerne in der Liga von Björk und Lykke Li verortet wird und am 28.10. samt Chor im Robert-Schumann-Saal auftritt. Dass solch eine Favoritenentscheidung aber nicht leichtfällt, zeigt die lange Liste der weiteren Acts: u.?a. Brand Brauer Frick (27.10.), James Vincent McMorrow (27.10.) Agnes Obel (28.10.; alle in der Johanneskirche), Roosevelt (29.10.), Deine Freunde (30.10.) und die Silversun Pickups (30.10.; alle im Capitol) beehren neben den bereits genannten das herbstliche Rheinland.

Und was im letzten Jahr so wunderbar angenommen wurde, soll auch bei der sechsten New Fall-Ausgabe nicht fehlen: Das gesprochene Wort bringt am 28.10. James Rhodes („Der Klang der Wut – Wie die Musik mich am Leben hielt“) mit nach Düsseldorf – in Kombination mit Musik. Lyrischen Rap gibt‘s von Kate Tempest einen Tag später. Scheint so, als würde sich Hamed Shahis „Baby“ in einem stetigen Prozess befinden und längst nicht nur Konzertgänger verzücken wollen: „Die Künstler müssen natürlich zum Festival passen – wenn es zum Beispiel aktuell spannende Autoren gibt, dann greife ich zu“, verdeutlicht das Organisationstalent seine Taktik. Da darf man bereits jetzt gespannt sein, welch frischen Herbstwind die kommenden New Fall-Ausgaben mit sich bringen werden.

Robert Targan

New Fall Festival Capitol Theater, CCD-Stadthalle, Robert-Schumann-Saal, Johanneskirche, Düsseldorf; Termine: 27.-30.10.

 

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Regina Spektor © Shervin Lainez

 

Beautiful music, beautiful places

Capitol

Das einstige Straßenbahndepot avancierte zu Beginn der 90er-Jahre zum Düsseldorfer Kulturspot und entfaltet dank Backsteinarchitektur eine ganz besondere Atmosphäre. Beim „New Fall“ werden Theatersaal und Club bespielt.

CCD-Stadthalle 

Hier treten die Headliner hinters Mikro: Die holzvertäfelte CCD-Stadthalle ist die größte Bühne des Festivals und 2016 erstmals „New Fall“-Austragungsort. Neben den angekündigten Bands sind die Nähe zu Ehrenhof und Altstadt weitere Highlights.

Johanneskirche

Die größte evangelische Kirche der Stadt erhielt 1997 einen neugestalteten Eingangsbereich, um so für mehr Offenheit und Kommunikation vor Ort zu sorgen. Die in der Stadtmitte Düsseldorfs gelegene „Citykirche“ war bereits vor zwei Jahren dabei.

Robert-Schumann-Saal 

In unmittelbarer Nachbarschaft der Tonhalle befindet sich der Robert-Schumann-Saal, der vor 15 Jahren modernisiert wurde. Für gewöhnlich ist hier die Kammermusik zu Hause – das spricht für eine fantastische Akustik.