21.03.13
Mitternachtskinder
Vertauscht.
Der infame Geburtsfehler wächst sich zum melodramatischen Bruderkrieg aus. Mit der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Salman Rushdie zeichnet Deepa Mehta die moderne Geschichte des indischen Subkontinents als allegorische Familiensaga nach.

Doch statt auf epische Größe und Bollywood-Bombast setzt die kanadische Produktion auf cineastische Magerkost und verlangt solide historische Vorkenntnisse.

Der magische Realismus eines Salman Rushdie stattet die Kinder der Unabhängigkeit mit Gaben aus, womit Hollywood sie gleich zu Superhelden gemacht hätte. Die Kinder, die kurz nach Mitternacht an jenem magischen Geburtstag der Nation auf die Welt kamen, sind Hexen, unwiderstehliche Geliebte, unbesiegbare Kämpfer, sie können durch Spiegel gehen, Fische vermehren oder Dinge unsichtbar machen. Und sie können Gedanken lesen, doch mehr Vernunft kehrt damit nicht ein in die Welt. Protagonist Saleem bleibt Getriebener in den Wirren der Geschichte seines Landes. Das beginnt schon auf der Neugeborenen-Station des Krankenhauses in Bombay. Eher Liebeskummer als revolutionärer Geist ist es, der eine Krankenschwester zwei Knaben vertauschen lässt. Aus Shiva, dem Bastard eines britischen Kolonialherren und der Bänkelsängerin Vanita, wird Saleem, der Spross einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie – und umgekehrt. Bald zeigt Saleem im falschen Elternhaus, dass er nicht ganz „richtig“ ist, er hört Stimmen und entdeckt so manches familiäre Geheimnis. Dem Vater hat die Unabhängigkeit kein Glück gebracht, die Geschäfte gehen schlecht, seinen Frust lässt er am seltsamen Sohn aus. Als ein Bluttest offenbart, dass Saleem nicht sein leiblicher Sohn ist, gerät die Mutter in Verruf und Saleem wird verbannt ins Haus eines Onkels, der in Pakistan als General an einem Putsch mitwirkt. Für Saleem beginnt eine historisch-geografische Odyssee über Karatschi und Dacca bis Delhi. Ehe die Mitternachtskinder am Ende der „endlosen Nacht“, dem Regiment von Indira Gandhi, zusammentreffen, spannt der Film einen zweieinhalbstündigen Bogen aus kuriosen bis tragischen Erlebnissen von Saleem und seinen Schicksalsgenossen. Nun, mit 30 Jahren, verkörpern sie die Hoffnung für eine bessere Zukunft. Heute – weitere drei Jahrzehnte später – erweist sich diese Vorstellung als optimistisch, wenn auch nicht unbegründet.

Die indisch-kanadische Regisseurin Deepa Mehta („Bollywood/Hollywood“) konterkariert die symbolische Fülle des Erzählstils von Salman Rushdie, der das Drehbuch verfasste, durch eher nüchterne Bilder im Fernsehformat – von Bollywood keine Spur. Es bleibt eine allegorische Geschichtslektion ohne die Magie exotischer Bilder.

philipp koep

Mitternachtskinder (Midnight’s Children) CAN 2012, 148 Min., Regie: Deepa Mehta, Buch: Salman Rushdie; mit: Satya Bhabba, Siddharth, Shahana Goswami, Rajat Kapoor, Seema Biswas; Start: 28.3.

Salman Rushdie

Seit 25 Jahren unter Personenschutz

Der indische Schriftsteller ist auch ein „Mitternachtskind“, er wurde 1947 als Sohn eines Geschäftsmannes in die muslimische Minderheit von Bombay geboren und erhielt eine Ausbildung an den englischen Elite-Instituten King’s College und Cambridge. 1981 gelang ihm mit dem Roman „Mitternachtskinder“ der literarische Durchbruch. 1988 veröffentlichte er „Satanische Verse“, in der das Leben des Propheten Mohammed dargestellt wird. Der iranische Staatschef Khomeini bezeichnete dies als Gotteslästerung und erklärte Rushdie per Fatwa für vogelfrei. Das „Todesurteil“ wurde 2012 im Iran erneuert. Seit 25 Jahren lebt Rushdie unter ständigem Personenschutz an geheimen Orten. Öffentliche Auftritte sind extrem schwierig, die Teilnahme an einem Literaturfestival im indischen Jaipur musste letztes Jahr wegen Morddrohungen abgesagt werden. 2007 wurde dem erklärten Gegner des Islamismus der Adelstitel Knight Bachelor der englischen Krone verliehen. Der Iran und Pakistan protestierten scharf.

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Die Unabhängigkeit brachte Krieg und Zwist

Zwei Weltkriege hatten sie gewonnen, aber ihr Weltreich verloren. Als die geschwächten Briten nach 1945 begannen die kolonialen Reste des Empire abzuwickeln, hinterließen sie mit eiligen Abzugsbeschlüssen zwei Krisenregionen, die bis heute nicht zur Ruhe gekommen sind: Indien und Palästina.

Am 15.8.1947 endete die gut 100-jährige Epoche des „British Raj“, der britischen Kolonialherrschaft in Indien. Schlag Mitternacht wurde das Land in die Unabhängigkeit entlassen. Der ehemalige Vizekönig Earl Mountbatten, ein Onkel von Queen-Gatte Prince Philip, erließ einen Teilungsplan, den die Protagonisten des Unabhängigkeitskampfes Gandhi und Nehru zu verhindern versucht hatten. Das Gebiet wurde nach Ethnien in das vorwiegend hinduistische Indien und im Nordwesten und Nordosten das islamische West- und Ost-Pakistan geteilt. Es kam zu dramatischen Wanderungsbewegungen, rund 15 Millionen Menschen verließen ihre Heimat, die Schätzungen von Gewaltopfern liegen zwischen 200.000 und 1 Million Toten. Dennoch blieben etliche Territorialfragen ungeklärt, um die Grenzregion Kaschmir führten Indien und Pakistan vier Kriege.

1971 löste sich Ostpakistan, unterstützt von Indien, im Krieg von Pakistan und nennt sich seither Volksrepublik Bangladesch. In Pakistan wechseln sich seit Jahrzehnten Demokratisierungsversuche und autokratische Herrscher wie Ayub, Zia Ul-Haq und Musharaf ab. Auch in Indien kam es Mitte der 70er Jahre zu Umbrüchen. Indira Gandhi, Tochter des Gandhi-Mitstreiters und ersten Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru, verhängte nach einer Verurteilung wegen Amtsmissbrauchs den Ausnahmezustand für zwei Jahre.

Auf dem indischen Subkontinent leben mit 1,6 Milliarden mehr Menschen als im benachbarten China. In den 65 Jahren seit der Unabhängigkeit konnte die Region enorme Fortschritte machen, dennoch rangieren die Atommächte Indien und Pakistan beim Lebensstandard auf Platz 134 bzw. 145 der Weltrangliste (von 187). Bangladesch folgt auf Platz 146. Ethnische Konflikte und Terrorismus zwischen Muslimen, Hindus und Sikhs führen immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen.