26.08.16
Das Runde im Eckigen
Farbmalerei von Chen Ruo Bing
Bochum. Aktuelle Kunst aus China ist oft drastisch: Fratzenschneidende Figuren springen dem Betrachter aus vielen Werken geradewegs ins Auge.

 

Ganz anders bei dem Maler Chen Ruo Bing. Seine Gemälde – zurzeit im Bochumer Kunstmuseum – strahlen Ruhe aus und saugen die Blicke ein. Das Bildmotiv ist stets schlicht, abstrakt, auf das Wesentliche reduziert: eine geometrische Farbform auf quadratischem Grund.

Chen Ruo Bings lasierender Farbauftrag erzeugt eine Bildtiefe, in die der Betrachter, wenn er sich darauf einlässt, förmlich einsinkt. Schicht um Schicht trägt der Künstler mit breitem Pinsel verdünnte Acrylfarbe auf; die Leinwand liegt waagerecht vor ihm. Ein langwieriger Prozess: Mitunter arbeitet er über Wochen an einem Bild, um Figur und Grund genau auszubalancieren. Mal als leuchtender Komplementärkontrast, mal in zarter Zweifarbigkeit an der Grenze der Wahrnehmung. So entsteht eine hypnotische Wirkung, die sprachlich schwer zu fassen ist. Kaum zu fassen auch, dass dieser Farbmaler seine Karriere in Schwarz-Weiß begann!

Die chinesische Tradition der Tuschmalerei prägte Chen Ruo Bing, der 1970 zu Zeiten der Kulturrevolution in eine Künstler- und Gelehrtenfamilie hineingeboren wurde und sich schon als kleiner Junge täglich stundenlang in Kalligrafie übte. Später studierte er Tuschmalerei an der Akademie in Hangzhou – und genau an diesem Punkt setzt die Ausstellung im Bochumer Museum ein, die Chens Weg zur Farbe nachzeichnet. Als Einstiegsexponat hat der Künstler eine seiner studentischen Arbeiten gewählt, das meterlange Rollbild einer Tusche-Landschaft. Solche Bilder entstehen nicht in freier Natur, sondern vor Kunstwerken der alten chinesischen Meister. Sie bilden keine Realität ab, sondern formen abstrahierend nur eine Idee von Landschaft nach. Eine Diaprojektion spielt berühmte Beispiele chinesischer Landschaftskunst ein, manche Bilder sind über tausend Jahre alt.

Doch nicht nur die eigene Kultur, auch europäische Kunst, Literatur und Philosophie hatten den Studenten seit jeher fasziniert. So ergriff er 1992 die Chance, über ein Austauschprogramm der Kunstakademien von Hangzhou und Düsseldorf nach Deutschland zu kommen. Bei Professor Gotthard Graubner, weltberühmt für seine fein nuancierte Farbraummalerei, führte er seine Studien fort, entdeckte die Farbe für sich und entschied, in Düsseldorf zu bleiben.

Als Auftakt, im Flurbereich vor seiner eigentlichen Präsentation, stellt Chen auch westliche Künstler vor, die ihn beeinflussten. Er zeigt ein kleines Kissenbild Graubners, Zeichnungen von Malewitsch, ein Quadratbild von Frank Stella sowie ein Beispiel aus Josef Albers’ „Homages to the Square“. Von der Josef und Anni Albers Foundation in Connecticut, USA, erhielt Chen im Jahr 2000 ein Stipendium, seither arbeitet er ausschließlich mit wasserlöslicher Acrylfarbe. Eine Werkauswahl aus den letzten zehn Jahren hat er für seine Bochumer Ausstellung zusammengestellt und luftig arrangiert.

Nach dem Parcours entlang der Vorbilder öffnet der hohe, helle Oberlichtsaal den Blick auf rund 20 Bilder: Große neben kleinen Formaten, fein ausgewogen platziert mit viel Freiraum dazwischen, um die Wahrnehmung nicht zu überfordern. Eine Art Meditationsraum ist entstanden, der fast augenblicklich Konzentration und Kontemplation ermöglicht. Betrachter sollen ihr „Wissen, verbale und rationale Erklärungen außer Acht lassen und zulassen, dass sie in eine intime Beziehung mit der Leinwand eintreten“ – so wünscht es sich der Künstler. Ein kurzer Film im Kabinett zeigt ihn mitten im Malprozess. Das hier entstehende Gemälde hängt im Raum nahebei.

Der einstige Schwarz-Weiß-Zeichner lässt heute in seinen Bildern zwei Farbwerte gegeneinander antreten und rekurriert auch an anderen Stellen auf seine kulturellen Wurzeln. Neben Quadratbildtafeln greift er mit zwei ganz neuen extremen Breitformaten à zwei mal fünf Meter malerisch das chinesische Rollbild wieder auf. Immer steht eine geometrische Rundform frei auf andersfarbigem Grund: mal ein Kreis, ein Ring oder Rahmen, mal ein länglich abgerundeter Block – allesamt eindeutig „handmade“ und nie ganz symmetrisch. Es geht Chen nicht um sterile Perfektion und Farbtheorie, sondern um lebendige Form. Kleine Unregelmäßigkeiten sind gewollt, hier und da blitzt an den Bildecken die rohe Leinwand durch oder zeigen sich kleine Farbspritzer, die im Auftrag der dünnflüssigen Farbe entstanden. „Das lasse ich zu“, sagt Bing, als Zeichen, das hinter jedem Bild ein Mensch steht, der sich auf „das Wesentliche“ konzentriert.

Fernöstliches Gedankengut trifft hier auf westliche Farbtheorie. Philosophische Konzepte zweier Kulturräume verschmelzen in Chen Ruo Bings Werken zu einer universell verständlichen Kunstsprache, fremd und vertraut zugleich – das macht den Reiz der Ausstellung aus.

Claudia Heinrich

Der Maler Chen Ruo Bing Kunstmuseum Bochum, Kortumstr. 147; Dauer: bis 3.10., Di-So 10-17 Uhr, Mi 10-20 Uhr; http://www.kunstmuseumbochum.de

 

Im Rahmenprogramm drei kostenlose Vorträge, mittwochs, 19 Uhr:
7.9.: „Vom Wesen chinesischer Lyrik“
14.9.: „Die Entwicklung der Kunstszene Chinas ab 1979“
28.9.: 25 Jahre chinesischer Garten „Qianyuan“ im Botanischen Garten der Ruhr-Uni