21.03.13
Das Mega-Luftpaket
Luftsack der Superlative im Gasometer.
Christo installierte die größte Innenraumskulptur der Welt in Europas höchster Ausstellungshalle. Das 90 Meter hohe „Big Air Package“ kann von innen wie auch von außen erlebt werden:

Ein schmaler Stahlsteg ermöglicht den Rundgang, eine Fahrt im gläsernen Aufzug die vertikale Außensicht. Begleitend zeigt eine Fotoschau 21 Projekte von Christo & Jeanne-Claude.

„Big Air Package“ ist das erste Großprojekt, das Christo ohne seine 2009 verstorbene Partnerin realisierte. Der Gasometer ist ein guter Bekannter: Gemeinsam mit Jeanne-Claude konzipierte der 77-jährige Amerikaner zum IBA-Emscherpark-Finale 1999 die Installation „The Wall“, eine monumentale Mauer aus mittig im Gasometerrondell gestapelten farbigen Ölfässern.

Christos erste Soloarbeit nun – der blütenweiße Gigant aus transparentem Stoff, umschnürt von rund 4,5 Kilometer Paketband –, knüpft an ihre zahlreichen Verhüllungsarbeiten im öffentlichen Raum an: Bäume, Brunnen, Treppen, Denkmäler, komplette öffentliche Gebäude – angefangen mit „Wrapped Kunsthalle Bern“ (1967–68) und dem Museum of Contemporary Art (Chicago) über Pont Neuf (Paris) bis zum Berliner Reichstag 1995. Ummantelte und verschnürte Luftskulpturen schuf das Künstlerpaar ebenfalls bereits in den 1960er Jahren – allerdings deutlich bescheidener als die aktuelle.

Die jahrelang vorbereiteten Verhüllungsmegaprojekte gerieten stets zu internationalen Megaspektakeln, boten Fotomotive für Millionen und kamen dabei immer – Respekt! – ohne öffentliche Förderung aus. Das Künstlerpaar bestritt die millionenschwere Finanzierung stets in Eigeninitiative: einem Mix aus glücklichem Sponsoring und dem Verkauf von Skizzen, Fotodokumenten, Plakaten und Devotionalien wie Fetzen des Original-Verpackungsmaterials nach Abschluss der jeweiligen Kunstaktion.

Mit Einblicken in 21 Christo-&-Jeanne-Claude-Projekte ab Beginn ihrer Zusammenarbeit 1961 startet Christos zweite Gasometerausstellung in der Erdgeschossebene: Die Werkauswahl nimmt Bezug auf das Air Package. „Die Schau ist keine Retrospektive“, erläutert Kurator Peter Pachnicke. „Wir wollen die temporären Aktionen nacherleben lassen.“

Die Dokumentationen verdeutlichen, was die Werke miteinander und auch mit der aktuellen Installation verbindet. Mit brillantem Fotomaterial von Christos Exklusivfotografen Wolfgang Volz können sich die zu erwartenden Besuchermassen einstimmen, können Doku-Videos rund um die Entstehung der Großprojekte sehen oder Originalstoffstücke wie Reliquien in Vitrinen und Diashows auf bodennah installierten Monitoren betrachten, während sie auf Einlass ins „Allerheiligste“ warten. Eine Liveprojektion aus dem Inneren mitsamt den Besuchern, die sich gerade im „Package“ aufhalten, wird auf einen kreisrunden Bodenbereich im Zentrum der Fotoschau projiziert. Winzige Wesen wuseln da auf weißer Fläche, ziemlich irreal.

Nun will man es wissen und reiht sich auf vor der bewachten Drehtür, die den Luftdruck im Inneren und die Besucherströme von außen reguliert. Maximal 250 Personen dürfen sich zeitgleich im „Air Package“ aufhalten. Eine Stahltreppe führt ein paar Meter hoch, ein kühler Hauch umfängt einen, und man steht unvermittelt in kaltem Weiß.

Zumindest bei Außentemperaturen um den Gefrierpunkt wirkt der mittels zweier Dauergebläse und somit konstantem Luftdruck aufrechtstehende, fest am Boden fixierte Raumkörper aus transparentem Stoff wie ein eisiger Iglu. Kunstlicht aus 60 Strahlern illuminieren die Hülle von außen, durch den Stoff dringt ein diffuser Schimmer in Grauabstufungen. Tageslicht durch die Dachfenster des Gasometers ziehen den Blick in unbestimmte Höhen. Das Gefühl für Dimensionen verschwimmt; unmöglich zu schätzen, wie hoch der Weißraum wirklich ist.

Eine spirituelle Erfahrung für viele Betrachter, obwohl man die profanen Verpackungsschnüre durch die Seitenwände und die Stoffkuppel sieht. „Eine Kathedrale!“ Christo selbst ist fasziniert von der überraschenden Anmutung seines Werks. „Der Stoff hat eine ungeheure Leuchtkraft, als würde man in Licht baden“, schwärmt der Künstler.

Bei angenehmeren Temperaturen und sonnendurchflutet lädt der Innenraum in den kommenden Monaten zum andächtigen Verweilen ein – es werden noch Sitzelemente installiert. Das „weiße Wunder“ wird besonders für die Besucher ein Aha-Erlebnis, die den Gasometer nur als finstere Riesentonne kennen. Christos Werk setzt den Raum in ein neues Licht und verändert seinen Charakter radikal. Wer reale Raumvorstellungen zurückgewinnen möchte, muss das umschnürte Luftpaket auf dem schmalen Stahlsteg umrunden oder im gläsernen Lift an der Außenhaut vorbei aufwärts zur Aussichtsplattform fahren.

Claudia Heinrich

Christo: Big Air Package Gasometer Oberhausen, Arenastr. 11, Tel. (0208) 8503730; Dauer: bis 30.12.; Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr (in NRW-Ferien Mo. geöffnet); http://www.gasometer.de
Sieben Original-Entwurfszeichnungen des Big Air Package zeigt zeitgleich die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen in ihrem Kabinett; Kombiticket: 13 €